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Unverständnis für Summerwis-Gegner

Schaffhauser Nachrichten vom 1.7.2020

Etwa 35 Personen – Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers Sommerwies – versammelten sich gestern Abend kurz vor der Sitzung des Grossen Stadtrats vor der Rathauslaube. Mit Plakaten erwarteten sie die Politiker, die kurz darauf über die Zukunft des «Sozialen Wohnens» diskutieren würden: «Üsen Spielplatz» stand auf einem bunt bemalten Schild, das zwei Kinder hochhielten, oder «Soziales Projekt auf einer Mülldeponie?!».

Mit 32 zu 3 Stimmen hat der Grosse Stadtrat gestern der Vorlage zum neuen Standort für das «Soziale Wohnen» zugestimmt. Damit ist klar: Der Stadtrat will eine Fläche von rund 5000 Quadratmetern in der Summerwis im Baurecht abgeben, damit die gleichnamige Stiftung einen Neubau für das «Soziale Wohnen» realisieren kann. Mit der Vorlage wurde auch einem einmaligen Investitionsbeitrag von 600’000 Franken zugestimmt.

Hermann Schlatter (SVP), Vizepräsident der Spezialkommission, erläuterte zu Beginn: «Das ‹Soziale Wohnen› hat in Schaffhausen eine 30-jährige Geschichte ohne nennenswerte Zwischenfälle.» Zahlreiche Standorte – etwa 15, wie Sozialreferent Simon Stocker (AL) später sagte – seien evaluiert und die Summerwis als der geeignetste dafür empfunden worden. Die Sorgen, dass das Gebäude auf einem belasteten Boden gebaut würde, entkräftete Schlatter. Das Interkantonale Labor habe den Standort als weder überwachungs- noch sanierungsbedürftig eingestuft, sagte er. «Wenn man bisher darauf Lebensmittel produzieren konnte, kann man auch ein Gebäude fürs Soziale Wohnen darauf bauen», fügte Grossstadtrat Stefan Schlatter (FDP) hinzu.

«Könnte Mehrwert bedeuten»
Alle Fraktionen sprachen sich einstimmig für die Vorlagen aus – nur die SP beschloss Stimmfreigabe. SP-Grossstadtrat Christoph Schlatter fand, es sei ein schwerer Vorwurf, dass der neue Standort von einigen als «Rand» der Stadt angesehen werde. «Randständige Menschen gehören nicht an den Rand, sondern mitten in unsere Gesellschaft.» Der Standort empfand er als suboptimal. Er blieb aber eine von wenigen Stimmen, welche die Vorlage kritisierten. «Egal, welcher Standort gewählt worden wäre, Einwände hätte es immer gegeben», sagte Grossstadtrat Rainer Schmidig (EVP). Die Vorlage überzeuge – deren Annahme sei notwendig. «Die Bewohnerinnen und Bewohner der WG Geissberg sind nicht schlimmer oder weniger schlimm als wir alle hier drin», sagte Stocker. Weder die Anwohnerinnen und Anwohner noch Mitarbeitende nahe gelegener Firmen oder Kinder, die den Kinderhort gleich neben der WG besuchen, hätten sich über die Bewohner beschwert. «Eine solche Institution in der Summerwis könnte gar einen Mehrwert bedeuten.» Anwohner können sich, so Stocker, miteinbringen. «Ihre Ängste möchte ich nicht verurteilen, ich möchte auf sie eingehen – und hoffe, dass sie sich in positive Energie umwandeln werden.» Dazu brauche es aber eine Bereitschaft seitens der Quartierbewohner. Der Standort sei ideal. Zum Vorwurf, er befinde sich am Rand, sagte er: «In Schaffhausen befindet sich praktisch alles am Rand ausser die Altstadt.» Man habe 30 Jahre Erfahrung mit der WG Geissberg. «Gute Erfahrung.»

Grossstadtrat Christian Ulmer (SP) hingegen verurteilte die Aktion vor der Rathauslaube. «Sie fürchten um den Wert ihrer Liegenschaften und geben vor, ihre Kinder schützen zu müssen», sagte er. «Unverblümt machten sie klar, dass sie unter keinen Umständen Randständige in ihrem Quartier wollen.» Diskriminierend sei dies, für die Schreiber der Petition schäme er sich fremd.

«Die Bewohner sind nicht randständig, sondern anständig», sagte Grossstadträtin Iren Eichenberger (Grüne). Sie bräuchten einen Ort, wo sie Struktur haben, wo sie sich sicher und geborgen fühlen. Und sie hatte noch eine Bitte parat: «Wenn es später um die Betriebskosten geht, seien Sie nicht knausrig. Sie investieren damit in Menschen.»

«Soziales Wohnen Geissberg»
In einem ehemaligen Personalhaus der Spitäler Schaffhausen stehen aktuell etwa 50 Plätze für Menschen, die vorübergehend eine Übernachtungsmöglichkeit brauchen oder nicht in der Lage sind, selbständig zu wohnen, zur Verfügung. Auch eine Tagesstruktur wird angeboten.

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In der Sommerwies sieht man rot

Die geplante Verlegung der Institution «Soziales Wohnen» vom bisherigen Standort Geissberg ins Hauental lässt betroffene Quartierbewohner den Aufstand proben.

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«Trotzdem halten wir am Standort fest»

Die Stadt Schaffhausen betreibt seit 30 Jahren an der Geissbergstrasse 89 in einem ehemaligen Personalhaus des Kantonsspitals eine Notunterkunft mit dem Namen «Soziales Wohnen Geissberg». Sie verfügt über 54 bewilligte Plätze sowie Räume für ein
Arbeitsprogramm für Personen, die Sozialhilfe beziehen. Die Liegenschaft soll bald dem geplanten Spitalneubau weichen. Deshalb sucht die Stadt nach einem neuen Standort für das «Soziale Wohnen». Am Montag hatte der Stadtrat eine entsprechende Vorlage vorgestellt. Die Institution soll künftig in einem Neubau im Hauental, beim Buswendeplatz «Sommerwies» untergebracht werden. Die Stiftung Summerwis will für rund vier Millionen Franken einen Neubau erstellen, auf Land, das sie von der Stadt im Baurecht erhält. Am Dienstagabend fand im Zentrum Heuberg eine Informationsveranstaltung für die Quartierbevölkerung statt, an der grosse Skepsis sichtbar wurde.

Herr Stocker, an der Informations­ veranstaltung im Hauental kam es teils zu heftigen Reaktionen. Haben Sie Wider­stand gegen das Projekt erwartet?
Simon Stocker: Ja, ich habe mit Widerstand gerechnet. Schon im Vorfeld wurden gewisse Befürchtungen an uns herangetragen. Ich weiss aus meinen Jahren im Stadtrat und von anderen Projekten, dass solche Bauvorhaben oft Menschen mobilisieren, die gewisse Befürchtungen haben.

Was waren konkret die Befürchtungen, die am Anlass geäussert wurden?
Stocker: Wenn man sich eine Notunterkunft vorstellt, haben manche Leute negative Bilder im Kopf. Man stellt sich vor, dass dort vor allem Drogenkonsumenten und gewalttätige Menschen verkehren. Wenn man diese Bilder im Kopf hat und dann hört, dass im eigenen Quartier eine solche Unterkunft gebaut werden soll, dann löst das ein mulmiges Gefühl aus.

Stimmen diese Bilder mit der Realität überein? Wie sind die Erfahrungen vom Geissberg?
Stocker: Wir haben jetzt 30 Jahre Erfahrung mit dem Sozialen Wohnen Geissberg. Es handelt sich auch dort um ein sensibles Gebiet. In der Nachbarschaft gibt es das Spital, die Cilag, eine Wohnsiedlung, die kantonale Finanzverwaltung und eine Kindertagesstätte, die nur 20 Meter vom heutigen Standort entfernt ist. Wir hatten deshalb auch die
Polizei zur Informationsveranstaltung eingeladen, um eine neutrale Beurteilung zum Standort abzugeben. In den letzten 30 Jahren, und speziell in den letzten Jahren, kam es zu keinen nennenswerten oder sicherheitsrelevanten Vorfällen, die das Quartier beeinträchtigt hätten. Ein grosser Teil der Klienten des Sozialen Wohnens ist ins Alter gekommen. Sie sind oft auch gesundheitlich beeinträchtigt. Es sind Menschen mit unterschiedlichen Lebensläufen. Oft haben sie finanzielle Probleme. Manchmal sind es Personen, die aus dem Ausland in die Schweiz zurückkehren und vorübergehend irgendwo
wohnen müssen.

Der Umgang mit diesen Menschen dürfte aber nicht immer einfach sein, oder?
Stocker: Natürlich sind es nicht immer einfache Leute. Aber der grosse Teil ist umgänglich und versucht, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Viele machen bei einem Beschäftigungsprogramm mit. In der Stadt helfen diese Leute etwa beim Aufräumen von Spielplätzen oder beim Unterhalt des Spielmobils. Es gibt eine Littering-Gruppe, die Abfall im Quartier sammelt. Man muss das Bild also überarbeiten, das man von diesen Menschen hat. Ich bin überzeugt, dass sie auch im Hauental nicht negativ auffallen werden. Stattdessen wollen sie sich im Quartier engagieren.

Heisst das, dass viele der Befürchtungen, die am Anlass geäussert wurden, nicht berechtigt sind?
Stocker: Die Erfahrungen aus den 30 Jahren Soziales Wohnen Geissberg sind für mich der Gradmesser. Es gab dort keine grösseren
Schwierigkeiten. Natürlich gab es hie und da einmal Probleme. Es gibt Leute, die einmal etwas mit Drogen zu tun haben oder Leute, die bei der Polizei bekannt sind. Das will ich nicht verheimlichen. In der Unterkunft selber und im direkten Umfeld sind diese Menschen aber sehr unauffällig.

Waren Sie enttäuscht über die Reaktionen?
Stocker: Ich habe nach der Veranstaltung noch länger mit einzelnen Besuchern gesprochen. Ich kann viele Gedanken nachvollziehen. Über Ängste und Befürchtungen kann man nicht enttäuscht sein. Man muss sie ernst nehmen. Wir halten am Standort fest, wollen jedoch die Anwohner und deren Vorbehalte einbeziehen.

Gibt es beim Sozialen Wohnen Geissberg spezielle Sicherheitsvorkehrungen, und sind solche auch in der Sommerwies vorgesehen?
Stocker: Auf dem Geissberg gibt es heute einen 24-Stunden-Betrieb. Rund um die Uhr ist Personal anwesend. Weitere Sicherheitsmassnahmen waren bisher nicht nötig. Wenn es zu einem Zwischenfall kommt, rufen wir die Polizei. Das ist in den letzten Jahren aber nur sehr selten vorgekommen.

Wie nehmen Sie jetzt die Befürchtungen der Anwohner im Sommerwies auf?
Stocker: Wir möchten mit den interessierten Anwohnern eine Begleitgruppe bilden, in der die Themen aufgenommen werden können. Dort könnten die Anwohner auch direkt mit den Klienten des Sozialen Wohnens in Kontakt kommen. Denn oft können Vorbehalte gegenüber einer bestimmten Gruppe abgebaut werden, wenn man diese Menschen direkt kennenlernt. Wir möchten die im Projekt geplante Infrastruktur wie die Werkstätten oder das Cafè auch für das
Quartier öffnen. Die Bevölkerung wird eingeladen, dort etwas zu veranstalten. Ich bin überzeugt, dass das Projekt auch für die Quartierbewohner einen Mehrwert bieten kann.

Sind Sie optimistisch, dass doch noch Akzeptanz geschaffen werden kann?
Stocker: Ja. Auch das zeigt mir die Erfahrung mit dem Sozialen Wohnen Geissberg. Weder vom Spital noch von der Kindertagesstätte oder der Cilag ist mir eine Reklamation bekannt.

Während dreier Jahre wurden an zwölf Orten verschiedene Standorte erwogen. Warum entschied man sich für die Sommer­wies?
Stocker: In und ausserhalb der Stadt Schaffhausen wurden diverse Möglichkeiten angeschaut. Die verschiedenen Standorte wurden bewertet. Dabei spielten Fragen der Zonenordnung, der Kosten, der Erreichbarkeit, der Besitzverhältnisse oder der künftigen Entwicklungsmöglichkeiten eine Rolle. Die Arbeitsgruppe kam zum Schluss, dass diese Parzelle für den Neubau am besten geeignet ist.

Ein Kriterium war auch die Standort­empfindlichkeit. Hat man das falsch eingeschätzt?
Stocker: Ich mache mir hier keine Illusionen. Ich glaube: Egal, wo man hingeht, wenn es in der Nähe Wohnraum gibt, dann löst so ein Projekt Vorbehalte und Widerstand aus. Es gäbe wohl an jedem anderen Standort ähnliche Kritik.

Gibt es noch Alternativen zur Sommerwies?
Stocker: Wenn der Bau im Sommerwies nicht möglich sein sollte, dann müssen wir weiter suchen.

Wie geht es nun weiter?
Stocker: Die Vorlage geht nun in den politischen Prozess: Das Parlament entscheidet über die Baurechtsvergabe. Erst danach macht die Stiftung Summerwis die Baueingabe. Wenn klar wird, dass gebaut werden kann, dann würde die Stiftung die Begleitgruppe ins Leben rufen, um die Anwohner einzubeziehen.

Können die Anwohner noch auf die Stand­ortwahl Einfluss nehmen?
Stocker: Der Grosse Stadtrat entscheidet über die Baurechtsvergabe und damit auch über die Frage, ob das Projekt in der Sommerwies realisiert werden kann. Die Anwohner müssten sich über die Parteien und Fraktionen im Grossen Stadtrat politisch einbringen.
Interview: Daniel Jung / Schaffhauser Nachrichten vom 10.1.2020

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Neuer Standort für «Soziales Wohnen»

Wegen des Spitalneubaus muss das «Soziale Wohnen Geissberg» umziehen. Nun plant eine Stiftung einen Neubau in der «Summerwis». Kostenpunkt: vier Millionen Franken. Die Stadt will das Projekt mitfinanzieren – und eine Teilparzelle im Baurecht abgeben.

Seit über 30 Jahren ist das «Soziale Wohnen Geissberg» eine Institution in Schaffhausen: In den ehemaligen Personalhäusern der Spitäler Schaffhausen stehen aktuell 54 Plätze für Menschen in schwierigen Verhältnissen zur Verfügung, die vorübergehend eine Übernachtungsmöglichkeit brauchen oder nicht in der Lage sind, selbstständig zu wohnen. Zudem bietet sie eine Tagesstruktur an. Das «Soziale Wohnen Geissberg» wird betrieben von der Stadt, welche die Notunterkunft von den Spitälern mietet; aktuell werden etwa 11 000 Übernachtungen jährlich verzeichnet. Nun kommt es zu einer entscheidenden Veränderung: Wegen des Spitalneubaus ist auf dem Geissberg kein Platz mehr für das «Soziale Wohnen». Um das Angebot weiterführen zu können, hat die Stadt verschiedene Möglichkeiten geprüft und sich schliesslich für einen neuen Standort in der Summerwis im Hauental, an der Endhaltestelle der Buslinie 3, entschieden. Auf einem städtischen Grundstück, das zur Zone für öffentliche Bauten und Anlagen gehört, ist ein Neubau geplant. In diesem wird die Stadt als Mieterin auftreten; die Kosten dafür sollen sich im bisherigen Rahmen bewegen. Träger des Bauprojekts wird die neue Stiftung Summerwis sein, die von Christian Schneider, Volker Mohr und Martin Amman gegründet wurde. Sie bilden auch den Stiftungsrat.
Spezielle Konditionen
Damit die Stiftung den Neubau realisieren kann, will der Stadtrat die dafür nötige Fläche von insgesamt rund 5000 Quadratmetern im Baurecht abgeben. Als gemeinnützige Organisation profitiert die Stiftung von einem günstigeren Baurechtszins. Die Stadt rechnet mit einem jährlichen Baurechtszins von 18 000 Franken. In einer Zusammenarbeitsvereinbarung zwischen der Stadt und der Stiftung soll sichergestellt werden, dass die neue Liegenschaft für das «Soziale Wohnen» genutzt wird.
Die Kosten für den Neubau belaufen sich auf etwa 4 Millionen Franken. Den Löwenanteil, konkret drei Millionen, wird die Jakob-und-Emma-Windler-Stiftung mit Sitz in Stein am Rhein tragen. Die Stadt Schaffhausen will das Projekt mit einem einmaligen Investitionsbeitrag von 600 000 Franken unterstützen. Weiter soll der Kanton 400 000 Franken beisteuern. Da der Landwert der Parzelle über eine Million Franken beträgt, entscheidet der Grosse Stadtrat über die Abgabe im Baurecht. Der Stadtrat unterbreitet dem Parlament auch den einmaligen Baubeitrag.
Wie der Stadtrat in der Vorlage schreibt, hätte der Wegfall einer eigenen Wohn- und Beschäftigungseinrichtung negative Folgen: «Ein grosser Teil der Personen müsste in spezialisierte Einrichtungen wie dem Wohnheim Schönhalde oder dem Wohnheim Sonnmatt platziert werden.» Beide seien aber gut ausgelastet und kaum in der Lage, die notwendigen Kapazitäten bereitzustellen. Ausserdem wäre mit «sehr hohen» zusätzlichen Ausgaben zu rechnen – ein Platz in der Sonnmatt etwa koste 9000 Franken monatlich.
Die Stiftung Summerwis wird die Quartierbewohner der Summerwis heute Abend an einer Veranstaltung über das Bauprojekt informieren.

Isabel Heusser / Schaffhauser Nachrichten vom 7.1.2020